Dienstag, 4. Juli 2017

Depresson und Offenheit

Das sind ja zwei Themen, die in unserer Gesellschaft nicht so richtig zusammenpassen. Zumindest war das mal so. Mein Eindruck ist, dass sich in dem Bereich inzwischen doch sehr viel verändert hat.

Als ich das erste mal mit meiner Depression zu tun hatte, habe ich mir immer gesagt, du hast doch gar keine Depression. Es ist doch eher ein Burnout. Heute ist mir klar, dass es im Endeffekt das gleiche ist. Aber damals wollte ich mir selbst nicht eingestehen, dass ich von einer Krankheit betroffen bin, die sehr stark stigmatisiert ist. Schon durch diese Einstellung ist es mir nicht gelungen, über meine Krankheit zu reden. Weder mit meiner Familie, noch mit Kollegen oder mit Freunden. Man ist alleine mit seiner Krankheit. Und das passt ja auch gut in das Bild einer Depression. Man zieht sich zurück, bricht soziale Kontakte ab, redet mit niemandem darüber.

Als ich nach der ersten depressiven Phase wieder einigermaßen 'gesund' war, habe ich eines bemerkt: Wenn ich die Medikamente absetze, prasselt die Realität wieder ungefiltert auf mich ein. Das war das schwierigste, damit zurecht zu kommen und nicht gleich wieder in mein Schneckenhaus zu kriechen. Das ich das geschafft habe, verdanke ich auch meiner Familie. Sie hat mir geholfen, obwohl sie gar nicht so richtig wussten, was mit mir eigentlich los ist. Das Thema hatte ich totgeschwiegen.

Als die zweite depressive Phase kam, habe ich verstanden, das mich diese Krankheit wohl doch länger begleiten wird. Und ich habe verstanden, dass ich darüber reden muss. Heute mache ich auch keinen Unterschied, mit wem ich darüber rede. Es dürfen alle wissen, auch mein Arbeitgeber. Ja, ich bin in der glücklichen Situation, einen Job zu haben, der praktisch 100% sicher ist. Daher gehe ich mit meinem Arbeitgeber da kein Risiko ein, wenn ich darüber rede. Ich weiß auch, das viele andere diesen Komfort nicht haben.

Auf der anderen Seite sehe ich das aber auch als Verpflichtung an. Da ich es mir leisten kann, MUSS ich darüber sprechen. Auch für die, die es sich nicht leisten können. Sollte ich vielleicht sogar ein Buch darüber schreiben? Vielleicht, aber nicht heute. Aber reden möchte ich darüber. Deshalb auch hier die Bitte: Redet mit mir darüber, vor Allem die, die keine Depression haben. Ich erzähle auch gerne, wie sich das anfühlt, wie man die Welt sieht und noch viel mehr. Fragt mich!

Der offene Umgang hat auch mir vieles leichter gemacht. Ich muss mich nicht mehr verstecken und ich erkenne jetzt leichter, mit wem ich darüber sprechen kann und mit wem nicht. Und wenn ich darüber spreche, dann wollen mir die Leute auch helfen. Jetzt habe ich aber das nächste Problem. Wenn mich einer fragt, wie kann ich dir denn helfen, was sag ich ihm denn dann? Wie kann mir jemand helfen?

Das hat ein wenig Zeit gebraucht, bis ich mir darüber im klaren war, aber heute weiß ich die Antwort:

"Bitte rede mit mir!"
 Ja, die Leute sind überrascht oder verwundert, wenn ich diese Antwort gebe. Aber es ist genau das, was mir fehlt, wenn es mir schlecht geht. Ich brauche jemandem, dem ich alles erzählen kann, der zuhört. Und da ist auch die Familie nicht immer die erste Anlaufstelle, je nach Thema. Man wünscht sich ja auch irgendwie, das jemand erkennt, dass es einem schlecht geht. Und dann kann man reden. Leider gibt es diese Leute viel zu selten. Aber man trifft sie an Orten, wo man es nicht vermutet. Beispielsweise auf Twitter!

Auf Twitter? Ja, genau dort. Es gibt dort viele Menschen mit ähnlichen Problemen. Und die haben Antennen dafür, ob es dir gut oder schlecht geht. Im 'echten' Leben würden sie dich niemals ansprechen. Auf Twitter aber schon. Und dafür bin ich auch sehr dankbar. Andererseits geht es mir ganz ähnlich. Wenn ich glaube, jemandem geht es schlecht, schreibe ich ihn an. Manchmal auch per DM (Direct Message) damit die anderen davon nichts mitbekommen.

Aber auch im richtigen Leben habe ich meine Leute, die ich ansprechen kann oder auch welche, die mich ansprechen, wenn es mir schlecht geht.

Würde ich nicht offen mit meiner Krankheit umgehen, müsste ich immer noch alleine damit zurecht kommen. Ob ich das schaffen würde ist ziemlich fraglich. Gerade dann, wenn man mit der Depression kämpft, ist die Sichtweise doch sehr eingeschränkt und man will bestimmte Dinge nicht sehen und nicht wahrhaben. Da können einem andere Menschen schon sehr helfen. Aber auch nur, wenn man sich öffnet und auch mal eine andere Meinung zulässt.

Bis bald,
euer Axel




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